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Gedankensplitter PDF Drucken E-Mail

Hier finden Sie eine kleine Sammlung von Texten zum Thema Bildung, Erziehung, Schule und Religionsunterricht. Nehmen Sie diese Gedanken als Anstoß zum Nachdenken, als Anregung für Ihre Planungsarbeit oder auch als Anlaß zum Schmunzeln.

Warum die Kirche Schule mach(en soll)t(e)...


Impulsreferat zur Dekanatskonferenz Reinheim am 27. Mai 2009

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau lässt sich „wunderbar“ als Organisation, als funktionale Sozialgestalt beschreiben und von derlei Beschreibungen aus auch gestalten.

Seit dem unseligen Versuch, Niklas Luhmanns anspruchsvolle Theorie durch mehrmaliges feuilletonistisches Filtrieren kirchenverträglich zu machen, sind inzwischen einige Jahrzehnte ins Land gegangen, doch an den Folgen leiden wir noch immer.

Das auf Basis dieses Denkansatzes entwickelte kirchliche Selbstverständnis hat zu vielerlei Veränderungen geführt. Zentren sind entstanden, Stabsbereiche, Profilstellen, Regionalverwaltungen und manches mehr.

Daß gleichzeitig von Anfang an ein bis heute nicht erledigter Streit über diese Veränderungen ausbrach, liegt daran, dass in all den Jahren niemals von einer Zieldiskussion aus gehandelt wurde. Und wenn die Ziele unklar sind, wird auch kein Weg einsichtig. Das ist wie im Unterricht!

Zieldefinitionen konnte die funktionale Kirchentheorie allerdings auch nicht leisten. Sie war und ist eben ein soziologischer Versuch, Phänomene zu beschreiben. Und keine Ekklesiologie, die vom Auftrag der Kirche aus nach ihrer Existenzberechtigung und schließlich der nötigen praktischen Gestalt und Form ihres Handels fragen würde.

Ekklesiologie fragt danach, warum der Heilige Geist die Gemeinde Jesu Christi gebildet hat.

Und leitet daraus ab, was diese Gemeinde zu tun und zu lassen hat.

Die Antwort findet sich an vielen Stellen der Bibel. Am prägnantesten am Ende des Matthäusevangeliums: „geht hin und macht zu Jüngern alle Völker und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles zu halten, was ich euch befohlen habe!“

Die Kirche existiert also, weil sie einer Sendung zu gehorchen hat. Sie hat keine Mission (wie das in vielen Jahrhunderten klerikal-imperialistisch missverstanden wurde) sondern sie folgt einer Mission. Und bleibt eben nur so lange Kirche Jesu Christi, wie sie das auch gehorsam und konsequent tut.

Worin diese Mission besteht, machen Jesu Worte deutlich:
seine Gemeinde hat um Gottes Willen bei seinen Kindern zu sein.

Geht hin in alle Welt... das ist etwas anderes, als: setzt euch, und sei es noch so einladend, ins Gemeindehaus...

Wenn wir uns darüber verständigen können, dass sich ein noch immer viel zu oft spürbarer kirchlicher Autismus nicht mit dem Wesen der Kirche verträgt, müssen wir nur noch danach fragen, wo wir denn die Kinder Gottes, die wir aufsuchen und begleiten sollen, finden.

Wir finden sie, soweit sie in irgendeiner Weise schulpflichtig sind, vor allem in den Schulen.

Diese übernehmen, ob man es möchte oder nicht, immer mehr Aufgaben, die früher von familiären oder nachbarschaftlichen Sozialisationsinstanzen übernommen wurden. Sie sind die Lebenswelt, in der sich unsere Kinder und Jugendlichen bewegen. Und sie entwickeln sich weiter, gewinnen weiter in dem gleichen Maße an Bedeutung, wie die tradierten Rollen der anderen Instanzen wie Elternhaus aber auch Kirchengemeinde nicht mehr überzeugen. Ökonomische Entwicklungen und politischer Willen verstärken dies.

Derzeit geschieht ein Weiteres: regionale Räume, die nicht immer aber doch weitgehend mit unseren neuen kirchlichen Regionalstrukturen passgleich sind, entwickeln ein gemeinsames Bildungsprofil. Da werden aus Erbfeinden plötzlich Kooperationspartner (Stadt Darmstadt und Landkreis Darmstadt-Dieburg)! Und da beteiligen sich viele, die ein (manchmal wenig selbstloses) Interesse an der Erziehung und Bildung junger Menschen haben.

Die evangelische Kirche (auch in Hessen und Nassau) ist im Land der Reformation nicht allein aus Gründen einer lebendigen Schultradition, sondern wegen ihres kirchlichen Selbstverständnisses die geborene Partnerin solcher Schulentwicklungen. Wir haben einen unverwechselbaren und unverzichtbaren Beitrag zu leisten, einen Dienst an den Kindern und Jugendlichen (und dabei und damit auch an den Lehrerinnen und Lehrern) zu tun, den niemand anders tun kann!

Wir haben ihnen die Kernbotschaft des reformatorischen Glaubens so lebendig nahe zu bringen, dass sie den Kindern und Jugendlichen zur (im besten Sinn verstandenen) Lebens-Hilfe wird. Und sie Verantwortung übernehmen lässt vor Gott und den Menschen, für sich selbst und für die Gemeinschaft, in der sie leben.

Die Mittel und Wege dazu sind vielfältig und oft noch wenig genutzt. Sie beginnen bei einem guten, weil alltagsrelevanten Religionsunterricht, reichen über Angebote der Schulseelsorge und der Sozialdiakonie bis hin zur Möglichkeit spiritueller Erfahrungen und zur Erprobung und Erweiterung vielfältiger Kompetenzen über außerunterrichtliche Angebote etwa der schulnahem Jugendarbeit.

Vielerlei Kooperationen halte ich für denkbar und wünschenswert, wir verfügen über Ressourcen und Kompetenzen, die wir nicht verstecken müssen!

ck 27/05/2009

 

 

 

 

 

Wenn die Pfarrerin am Freitagmorgen mit der Gitarre über den Parkplatz läuft...

 

... dann ist sie auf dem Weg in die Schule, zum Religionsunterricht. Was viele nicht wissen: Jeder Pfarrer gibt wöchentlich vier Stunden Religionsunterricht. Meistens in einer Schule, die im Gemeindegebiet liegt, manchmal auch weiter weg. Von 2004 bis 2006 war ich in der Gutenbergschule und habe in der 5., 6. und 7. Klasse unterrichtet. Seit dem letzten Jahr bin ich in der Wilhelm-Hauff-Schule in der 3. Klasse. das heißt, die evangelischen Kinder der 3a und der 3b sind meine Schüler und Schülerinnen.

 

Und weil ich gerne singe und den Kindern das Singen mit der Gitarre noch mehr Spaß macht, nehme ich die Gitarre immer mit zum Unterricht. Wenn alle sich im Kreis hingesetzt haben, singen wir unser Anfangslied:"Halte zu mir, guter Gott, heut den ganzen Tag, halt die Hände über mich, was auch kommen mag... Gibt es Ärger oder Streit und noch mehr Verdruss, weiß ich doch, du bist nicht weit, wenn ich weinen muss..." - und wirklich: es gibt ja in einer Schule immer wieder Ärger oder Streit: zwischen den Schülern in der Pause, und dann sitzt mancher abseits und mag erstmal nicht mitsingen. Oder auch Ärger zwischen den Lehrerinnen und den Schülern. das ist eben so. Es kommt dann drauf an, wie man damit umgeht. Und es ist wichtig, sich zu respektieren und sich wieder zu versöhnen.

 

Wenn wir gesungen haben, beten wir noch den Psalm 23. Die Kinder können ihn inzwischen auch auswendig. Und dann erzähle ich eine Geschichte aus der Bibel. Wir reden darüber, malen etwas dazu oder spielen sie nach. In diesem Schuljahr haben wir die Geschichte vom guten Hirten gehört, David kennen gelernt und die Weihnachts- und Ostergeschichte durchgenommen. Und jetzt sprechen wir über Sterben und Tod - ein Thema, das auch an den Kindern nicht vorbeigeht, und es ist gut, wenn sie Gelegenheit haben, darüber zu reden.

 

Ich gehe gerne in die Schule! es ist schön, die Kinder in der Schule kennen zu lernen. Ich selbst lerne von den Kindern: von den Fragen, die sie stellen und wie sie die Geschichten der Bibel verstehen. Und die Kinder nutzen die Gelegenheit und stellen mir auch so manche Frage: über die Kirche, über Gott und über das Leben.

 

Christiane Seresse

Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Darmstadt-Eberstadt-Süd 

 

 

(aus dem Gemeindebrief Sommer 2008) 

 

 

 

 

 

 

Das Religionspädagogische Amt der EKHN zum Diskussionsprozess „2025“:

 Es ist an der Zeit, das Profil der schulischen Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) als eine tragenden Säule kirchlicher Bildungsarbeit herauszuarbeiten. In schulischen Systemen findet zunehmend der Erstkontakt mit christlichen Inhalten statt. Zudem sind sie der Ort, an dem Kinder und Jugendliche über viele Jahre konstant und konsequent in ihrer (auch religiösen) Entwicklung begleitet werden können. Kirche muss dorthin, wo die Menschen sind.

I. Das System Schule und seine Bedeutung für kirchliche Arbeitsstrukturen

 Schule verändert sich rasant. Schon seit Jahren ist ihre Bedeutung als Lernort und Lebensraum der unter 18jährigen bekannt. Immer umfassender werden schulische Angebote bis weit in den Nachmittag hinein. Kinder und Jugendliche verbringen den größten Teil ihrer aktiven Zeit an den Schulen. 
Neben den eigentlichen Unterricht treten unterrichtsergänzende oder außerunterrichtliche Angebote, die zu einem nicht geringen Teil in enger Kooperation mit Vereinen und Verbänden erbracht werden. (Ganztagsprogramm)
Gleichzeitig beansprucht der Lehrplan Kinder und Jugendliche stärker als in früheren Jahren. Immer mehr Lernstoff soll in immer weniger Jahren erarbeitet werden. (G8) 
Die Autonomie der Schulen wächst. Ihre Verantwortung auch hinsichtlich finanzieller und personeller Planungen wird weiter gestärkt. (Selbstverantwortung plus) 
Die Belastungen für Schüler/innen, Lehrkräfte und Schulleitungen steigen. Die Anforderungen auf allen Ebenen wachsen, der Rechtfertigungsdruck steigt. (Unterrichtsgarantie plus, Fortbildungsportfolio) 
Die Kooperation zwischen Kindertagesstätten und Schulen wird neu entwickelt. (Bildungsplan 0 bis 10)    
Für kirchliches Planen und Handeln sind diese Entwicklungen nicht allein wegen ihrer Komplexität bedeutsam sondern auch wegen der Geschwindigkeit, in der sie sich vollziehen. 
Unmittelbar betroffen sind traditionelle Handlungsfelder wie Konfirmandenarbeit und gemeinde- oder dekanatsbezogene Kinder- und Jugendarbeit. 
Die Rolle der Gemeindepfarrer/innen und des von ihnen erteilten Religionsunterrichtes rückt neu in den Blick.   
Die kirchliche Mitverantwortung für die pädagogische Arbeit in den Schulen wird auch außerhalb des Religionsunterrichtes nachgefragt. (Schulseelsorge, Schulbezogene Jugendarbeit) 
Andererseits werden kirchliche Strukturen von den Schulen und den in ihnen tätigen Religionslehrer/innen nur sehr vage erfahren und mitgestaltet. 
Die Frage nach professioneller Unterstützung der pädagogischen Arbeit in den Fachschaften wird neu gestellt, das Fortbildungsverhalten verändert sich. (Regionalisierung)  

II. Die Aufgaben kirchlichen Handelns – Schritte zur Entwicklung eines kirchlichen Bildungsprofils „Schule“ 
Dass sich die oben angesprochenen Veränderungsprozesse zunehmend auf der regionalen Ebene abbilden, hat Folgen hinsichtlich kirchlicher Mitwirkungsmöglichkeiten, sofern diese sich ausschließlich auf ein von oben nach unten gesteuertes System stützen, das sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zunehmend schwächer abbildet (Lehrpläne, Rahmenpläne, Schulbücher, Kontingentstundentafel, etc.)  
Gleichzeitig bietet die Einführung der eigenverantwortlichen Schule neue und große Chancen kirchlicher Mitverantwortung, sofern es gelingt, die eigenen Strukturen im Gegenüber zur Einzelschule in der Region und den regionalen und zentralen Steuerungsebenen (IQ und AQS, Staatliche Schulämter bzw. ADD) zu stärken. 
Daraus folgen Aufgaben, die auf der Basis kircheninterner Prozesse (Dekanatsstrukturreform, 2025) und Notwendigkeiten (Sparmaßnahmen) bearbeitet werden müssen. Möglicherweise engere Kooperationen der beiden hessischen Kirchen müssen dabei ebenfalls bedacht werden. 
-          Die Perspektive muss vom Religionsunterricht auf das System Schule ausgeweitet werden. Wir brauchen einheitliche Zuständigkeiten nicht nur für den Religionsunterricht, sondern für die Schule als kirchliches Handlungsfeld
-          Die Bedeutung der nicht-parochialen Gemeinden, die sich durch kirchliche Bildungsarbeit in den Schulen auf Zeit konstituieren, muss ekklosiologisch gewürdigt werden
-          Die Kommunikation zwischen Schulen, Schulträgern und Dekanaten muss verstärkt werden-          Die kirchliche Konfirmandenarbeit muss im Kontext außerschulischer Bildungsarbeit und gegenüber der unterrichtlichen Bildungsarbeit im System Schule neu profiliert werden
-          Kooperationen in der pädagogischen Praxis und der Fortbildungsarbeit müssen vor Ort entwickelt werden
-          Religionslehrer/innen müssen auch als im Auftrag der EKHN handelnde Mitarbeiter/innen in den Blick kommen und neben haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden einen Platz in kirchlichen Strukturen erhalten
-          Der Aufbau verlässlicher Begleitstrukturen über Fortbildungsarbeit aber auch in der Hilfe zur Entwicklung der eigenen Spiritualität ist notwendig
-          Die Kindertagesstätten, besonders der Übergang zwischen Kita und Schule (Bildungsplan 0 bis 10) müssen verstärkt in den Blick kommen
-          Die Verantwortlichkeiten (Aus-, Fort- und Weiterbildung, Fachberatung, Dienst- und Fachaufsicht, Personaleinsatz, Finanzierungsfragen) müssen in Bezug auf die  regionale Ebene optimiert werden 
-          Die vorhandenen Kompetenzzentren RPZ und RPA müssen gestärkt und weiterentwickelt werden. Die auf das schulische Arbeitsfeld ausgerichteten Ressourcen (Schulnahe Jugendarbeit, Schulseelsorge, etc.) müssen in diese Zentren integriert werden  

RPA der EKHN,  30. November 07   

 

Philipp Melanchthon zur Bedeutung der Lebenswelt Schule: 

De laude vitae scholasticae oratio  
Zwei Werte sind besser und göttlicher als alles, das dem menschlichen Wesen zugehört: die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Beide zu erforschen und zu entfalten ist den Schulen anvertraut. (...) Keine Aufgabe ist Gott so wohlgefällig wie die Erforschung und Verbreitung von Wahrheit und Gerechtigkeit. Denn diese sind die besonderen Gaben Gottes, die seine Gegenwart am deutlichsten erkennen lassen. (...) Zu diesem Zweck hat Gott dem Menschen die sprachliche Verständigung gegeben. Deshalb kann kein Zweifel bestehen, daß der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und daß den Schulen im Blick darauf der Vorrang vor Kirchen und Fürstenhöfen gebührt, weil man in ihnen mit größerem Einsatz nach der Wahrheit strebt. Wem es auf eine gottgefällige Lebensweise ankommt, der ziehe sich nicht in die Einsamkeit zurück, der halte keine andere Lebensform für heiliger, sondern er bleibe in der Gemeinschaft der Lernenden, er suche sich hier um die Menschheit verdient zu machen, (...) Da also keine andere Lebensform für das Menschengeschlecht nützlicher oder nötiger ist - es gibt auch keine, die Gott gefälliger wäre - als das schulische Leben, läßt es sich unschwer als höchste Lebensstufe verstehen. Diese echten Vorzüge müssen Gutgesinnte veranlassen, das schulische Leben höher zu schätzen, den Eifer und die Sorgfalt an den Tag zu legen, die einer so großen Aufgabe würdig sind und ihr durch ehrbare Sitten zu entsprechen. (...) Mit der gleichen Haltung, mit der die Gläubigen in die Kirchen kommen, um ihre Andacht zu verrichten, solltet ihr in die Schulen eintreten. Denn auch hier geht man mit Heiligem um. Mit großer Sorgfalt müssen wir hier unseren heiligen Pflichten nachkommen, damit wir nicht Künste und Wissenschaften durch Unwissenheit oder andere Versäumnisse zugrunde richten. Es ist nicht weniger schuldhaft, Künste und Wissenschaften verkommen zu lassen als die Gottesdienste in den Kirchen mit Schande zu bedecken. (...) Die Erhaltung und Verbreitung lebensförderlicher Wissenschaft ist die heiligste und Gott wohlgefälligste Tätigkeit im Leben. Wir müssen deshalb wissen, daß Gott diejenigen zur Rechenschaft ziehen wird, die den Schulen durch ihre schlimme Lebensweise Schande machen und zur Erhaltung der Wissenschaft nichts beitragen. 

Philipp Melanchthon, 1536